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Wohnen - Neu in der Stadt

Hamburg, 9. September 2010

Im Alten Kaffeespeicher, unweit von Hamburgs Prestigeprojekt (oder Milliardengrab) Elbphilharmonie, standen plötzlich Favelas auf der Tagesordnung. Jörg Leeser vom Kölner Architekturbüro BeL präsentierte seinen Siegerentwurf für eine Parzelle auf der IBA Wilhelmsburg: ein "Smart Price Hous", ein bezahlbares Acht-Parteien-Wohnhaus, das nach dem Vorbild von Wohnvierteln in Rio de Janeiro oder Istanbul entstehen sollen. Provokante Entwürfe wie dieser führen unwillkürlich zu Fragen: Wie viele Neuerungen braucht das Wohnen, wo ist Veränderungsbedarf, wo liegen Veränderungsmöglichkeiten? Und wer weiß überhaupt, wie die Menschen wohnen wollen? Fragt da einer nach? Beim vierten Grohe-Dialog trafen Experten unterschiedlicher Wohnbau-Bereiche in Hamburgs bester Lage zusammen, um in einer lockeren Diskussionsrunde Einblicke in das Thema "Privater Wohnbau - Neu in der Stadt" aus verschiedene Perspektiven zu geben.

Als eine Hassliebe bezeichnete Moderator Andreas Ruby die Beziehung des Architekten zum Wohnbau. Obwohl die Aufgabe, den Menschen ein Dach über dem Kopf zu schaffen, doch Kerngeschäft der Branche sei. Oft stelle sich beim Wohnungsbau nämlich die Frage nach dem kreativen Spielraum des Architekten. Zwei Baumeister widersprachen dem Moderator sofort: Patrick Gmür, heute Direktor des Amtes für Städtebau Zürich, der nach seiner Meinung "schönsten und besten Stadt der Welt", hat das Entwerfen von Wohnbauten in seinem Architektenleben nie als Ärgernis, sondern als Herausforderung angesehen. Diese liege darin, nach Vorgabe zu arbeiten und dabei Lücken für die eigene Kreativität zu finden. Eine Ansicht, die auf dem Podium auch die Architektin Hilde Léon teilte, die ihr Projekt der „Schallschutzhäuser“ am Mittleren Ring in München vorstellte. Gmürs Beispiel war u. a. ein Wohnbau in der Züricher Paul-Clairmont-Straße, bei dem zweigeschossige Außenräume als gestalterische Besonderheit überzeugen.

Sascha Zander von Zanderroth Architekten, der in Berlin Wohn- und Baugruppenprojekte realisiert, erzählte von seiner "zärtlichen Beziehung" zum Wohnungsbau. Am liebsten und besten arbeite er, wenn er vollstes Vertrauen und Gestaltungsfreiheit genießt. Er bezeichnete den Architekten als "Bindeglied zwischen Stadtraum und Bauherr": Ihm gehöre Fassade und Rohbau, bei der Innenraumgestaltung lasse er den Bauherren freie Hand. Schließlich wolle er ja nicht die "Geschmackspolizei" spielen.

Ganz anders läuft der Bauprozess beim "Smart Price House" von BeL, dessen Konzept darauf basiert, ein bisher ungenutztes Potential zu wecken: das Selberbauen. Viele Menschen zögen in die Stadt, obwohl sie sich das Leben dort gar nicht leisten könnten, so Jörg Leesers These. Sein Haus wolle Wohnraum zu einem Kaufpreis von 880 Euro pro Quadratmeter schaffen. Die von Leeser als "Siedler" bezeichneten Bauherren erwerben eine Art Paket mit Handbuch/Bauanleitung. Das Konzept sei in äquatornahen Ländern bereits Wirklichkeit, jetzt solle es „auch unsere Welt erobern“, betonte der Architekt und Hochschullehrer. Eine Zukunftsperspektive der Häuser mit "Laubenpieper-Atmosphäre" sah er nicht etwa als politisch subventionierte Bauform, sondern als privatwirtschaftliches Modell, das nach den Gesetzen der Marktwirtschaft funktioniere. Dass diese "Schein-Favelas" tatsächlich eine Alternative für Geringverdiener oder gar Hartz IV-Empfänger darstellen könnten, bezweifelte Hilde Léon. Solche seien eher für konventionellere Bauweisen empfänglich. Die Smart Price Houses hingegen würden ganz klar ein bürgerliches Publikum anziehen, so die Professorin.

Ein eher bürgerliches Publikum bedient auch Heike Zauner von der BAUWERT Investment Group. Die Projektentwicklerin baut weder "Wohnmaschinen" noch experimentelle Luxusappartments, sagte sie auf dem Podium. Sie wisse, wie ihre Kunden ticken: Die „Golden Ager“ und „Empty Nester“ der Generation 50+ interessierten sich für konservative, traditionelle Bauweisen. Oft sei gar nicht die spätere Wertsteigerung die Motivation der Käufer, sondern die Lage, sie kauften nicht mit dem Ziel, später wieder zu verkaufen, sondern wollten längerfristig in der Stadt bleiben.

Die Debatte hat gezeigt: Den einen Wohnraum gibt es nicht. Ob Altersdomizile für „Golden Ager“, Luxusträume für Doppelverdiener oder gemütliche Zuhause für die Patchwork-Familie – Wohnbauten müssen vielfältigen Ansprüchen gerecht werden. Nur Bauen für die klassische Familie war gestern, heute müssen die Planungen an einem bestimmten Zielgruppen-Segment ausgerichtet werden. Das gilt ja auch für Hamburgs Speicherstadt, in der der Paradigmenwechsel sich in altem Backstein und neuem Glas und Stahl manifestiert.

Podiumsgäste
Patrick Gmür, Stadtbaudirektor Zürich
Jörg Leeser, BeL Sozietät für Architektur BDA
Hilde Léon, Léon Wohlhage Wernik Architekten
Sascha Zander, Zanderroth Architekten
Heike Zauner, BAUWERT Investment Group

Location
Ehemalige Hamburger Kaffeebörse
Pickhuben 3
20457 Hamburg