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Wohnen - Zimmer mit Ausblick

Wien, 5. Mai 2010

Gesellschaftlicher Wandel, sich ändernde Lebensmodelle und das steigende Bedürfnis nach Individualität: Wie schafft es die Planungskultur darauf zu reagieren? Oder müssen wir das Wohnen erst lernen (frei nach Mies van der Rohe, der nonchalant meinte, wenn die Leute nicht wissen, wie sie in seinen Häusern wohnen sollen, dann werde er es ihnen beibringen)? Wie geht man mit dem schwierigen Erbe der Moderne um, die uns auch Monotonie und den großen Block hinterlassen hat?

Anna Popelka von ppag architects beschäftigt bei der Planung von Wohnbauten immer die Frage, wie man Identifikation schaffen kann, wenn man für 1.000 Bewohner im großen Maßstab plant. Rezepte wollte sie keine nennen, verriet aber ihren Ansatz: Unverwechselbarkeit im Kleinen. Ähnlich auch die Argumente von Rüdiger Lainer, der in seinen Wohnbauten vor allem eines verbindet: extrem hohe Dichte mit Ausblick und Überblick. Sein Planungscredo lautet: Individualität mit Gemeinsamkeit überlagern. Gleichzeitig sehen die Architekten hier Potential für neue Berufe wie etwa den eines Community Organizer, der das Miteinander unterstützen soll.

Auch für die Bauträger, in der Diskussionsrunde vertreten durch Michael Pech, Geschäftsführer des Österreichischen Siedlungswerk, geht es in erster Linie um die Nutzer. Bauen sieht er nicht nur rein technisch, sondern habe auch mit Gefühl und Poesie zu tun – sein Vorzeigeprojekt ist der Wohnbau im Karree St. Marx mit einer luxuriös wirkenden transluzenten Fassade von Elza Prochazka.

Das Thema Wohnen trifft auf besonderes großes Interesse, so die Architekturvermittlerin Marion Kuzmany, schließlich will jeder gerne wissen, wie die anderen wohnen, zukünftige Bauherren ebenso wie Architekturliebhaber. Baukultur ist Wohnkultur.

Tu Felix Austria, meinte Gerhard Matzig, Architekturkritiker der Süddeutschen Zeitung, zu den präsentierten Wohnbauten und der Baukultur in Österreich. Erst kürzlich wurde der Kritiker selbst zum Bauherrn. Am Stadtrand von München ließ sich der „Stadtfixierte“, so Matzigs Eigendefinition, Frau und Kindern zuliebe von Andreas Meck ein Haus bauen. Der Stadt überdrüssig? Keineswegs, die Städte hätten ein hervorragendes Image, aber dennoch sei die Wohnsituation nicht flexibel genug, die Wohnbauwirtschaft zu konservativ. Während es die Gründerzeithäuser problemlos schaffen, Wohnen, Ladenlokale und die Werkstatt im Hinterhof zu vereinen, verödet die Sockelzone in den neuen Siedlungen. Ein bekanntes Problem, auf das in jüngster Zeit Bauträger wie das Österreichische Siedlungswerk bereits gezielt reagieren und bei ausgewählten Projekten seinen Bewohnern in den ungeliebten Erdgeschossbereichen Kleinbüros oder Gemeinschaftsbüro für die Bewohner anbieten. Ob die Nachfrage funktioniert, muss sich erst zeigen.

Architekten sind oft Visionäre, aber müssen sie nicht zunehmend auch Entwickler sein? Die Wohndebatte sei gleichermaßen eine Stadtbaudebatte, so die Architektin Heidi Pretterhoffer, und die sei in Österreich und Wien eher ein Stiefkind. So sieht es auch Gerhard Matzig für Deutschland. Es gäbe zu wenig Städtebauer von Einfluss und zu viele Regulierungen. Die anwesenden Architekten outeten sich jedoch als Optimisten, das größte Reglement sei oft die Selbstzensur. Es gibt also Hoffnung für zukünftige Wohnexperimente.

Podiumsgäste
Heidi Pretterhofer, Arquitectos
Anna Popelka, ppag architects
Rüdiger Lainer, Rüdiger Lainer + Partner Architekten
Marion Kuzmany, Architekturzentrum Wien
Gerhard Matzig, Süddeutsche Zeitung
Michael Pech, Österreichisches Siedlungswerk

Projekte:
Wohnen am Park, Vorgartenstraße (Wien), ppag architects
Wohnbau Buchengasse (Wien), Rüdiger Lainer
Wohnbau Karree St. Marx (Wien), Elsa Prochazka
Einfamilienhaus (Pischelsdorf, Steiermark), Arquitectos
Einfamilienhaus (München), Andreas Meck

Location
Wolke 19 im Ares Tower
Donau-City-Straße 11
1220 Wien